Reiseberichte: Thailands und Kambodscha 2013

´╗┐Paddeln unter Palmen

Mit dem Faltboot durch die Inselwelt Thailands und Kambodschas


Paddeln unter Palmen, welcher ambitionierte Paddler träumt nicht davon. Erst recht, wenn man aus dem Norden Deutschlands kommt, sonst meist im Trockenanzug unterwegs ist und sich auf der letzten Tour in Grönland den A… abgefroren hat.
Im Juli 2013 wollten sich Elke Grunwald und Markus Ziebell diesen Traum erfüllen und hatten sich als Ziel die Ostküste des Thailändischen Golfs ausgeguckt. Während in anderen tropischen Regionen in diesem Monat bereits die Hurrikan-Saison beginnt, ist in Thailand Winter und damit Regenzeit. Was Regenzeit dort bedeutet, war im Vorfeld nicht endgültig zu recherchieren: das mussten die beiden selbst herausfinden.

 

 

 

Unter den interessierten Blicken der Kitesurfer bauen wir unsere Faltboote am Strand von Ban Phe auf. Hinter uns liegen 17 Stunden Flug, eine zweistündige Autofahrt zwischen dem Faltbootgepäck, der Jetlag und ein Einkauf, bei dem wir noch nicht so recht wissen, was wir eigentlich brauchen. So landen Spaghetti, Zwiebeln und Fischdosen im Futtersack, sowie neben Pulverkaffee und Teebeuteln auch ein paar Litschis, Bananen und Müsli fürs Frühstück. Nur Milchpulver können wir im ansonsten gut bestückten Supermarkt von Ban Phe nicht auftreiben. Außerdem finden wir Kekse und Nüsse, die wir für die Tagesverpflegung verpacken.

Nachdem wir alles, inklusive 10 Litern Wasser pro Person im Boot verstaut haben, schieben wir zum ersten Mal unsere Boote ins 30° warme Wasser des Golfs von Thailand. Vor uns glänzt eine kleine, unbewohnte Insel in der Nachmittagssonne, umrahmt von türkisblauem Wasser: Ko Talu. Bei mäßigem Seitenwind freuen wir uns über die ersten Paddelschläge, merken aber bald, dass der Trimm der Boote noch nicht stimmt - der Bug dreht sich immer wieder in den Wind. Davon lassen wir uns aber nicht vom Weiterpaddeln abhalten und nach kurzer Überfahrt bauen wir zum ersten Mal unser Zelt im Schatten der Bäume auf, genießen den menschenleeren Strand und schnorcheln zum Abkühlen zwischen bunten Fischen und Korallen. Später sitzen wir im warmen Sand vor unserem Zelt und schauen in den sternklaren Nachthimmel, über uns das Kreuz des Südens: ein perfekter Start.


Ko Man Nai - die Schildkröteninsel

Östlich unseres ersten Lagerplatzes in ca. 20 km Entfernung liegt die "Man"- Inselgruppe, die aus 3 kleinen Inseln besteht. Wir umrunden die kleinste Insel und ziehen die Faltboote an einem perfekten Anlegestrand aus dem Wasser. Es gibt nur wenige Hütten, noch weniger Menschen, aber sehr gepflegte Wege, die zu einem größeren Gebäude führen. Als wir das Gebäude betreten, finden wir des Rätsels Lösung: Die gesamte Insel ist der Aufzucht von Meeresschildkröten gewidmet und steht unter dem Schutz der thailändischen Königin. Um das Hauptgebäude, das eine Ausstellung über die Tier- und Pflanzenwelt dieser Region beherbergt, finden sich viele Becken mit Schildkröten in allen Größen und rund um die Insel gibt es auf einem Wanderweg immer wieder Erklärungen in Englisch und Thai, wo wir erfahren, dass die Schildkröten hier seit Jahrhunderten ihre Eier ablegen, die jetzt ausgegraben, ausgebrütet und aufgezogen werden, um die überlebensfähigen Schildkröten wieder ins Meer zu entlassen und so die Population wieder zu erhöhen. Auch Schildkröten, die die Fischer als Beifang in ihren Netzen finden, werden hier wieder aufgepäppelt.
Leider gibt es auf dieser Insel keine Übernachtungsmöglichkeit und auf Nachfrage werden wir zur Nachbarinsel geschickt. Dort finden wir auch schnell einen geschützten Platz für das Zelt und genießen unsere Spaghetti am Strand.

Am nächsten Tag fühlen wir uns beide ziemlich geschafft – der Jetlag, das ungewohnte, feucht-heiße Klima und das nicht immer einfache auf Kurs halten der Boote fordern seinen Tribut – und wir beschließen einen Pausentag einzulegen. Da wir nicht mehr viel Wasser haben, wandern wir nach dem Frühstück zu den Hütten am anderen Ende der Insel, die wir am Vortag vom Wasser aus gesehen haben. Hier gibt es eine Art Restaurant, das aber geschlossen ist. Die Thais sind etwas irritiert uns zu sehen und sprechen leider kein Englisch, wollen uns aber unbedingt etwas mitteilen. Als das nicht gelingt, bekommen wir ein Handy in die Hand gedrückt aus dem ein englischsprachiger Thai uns erklärt, dass dies eine Privatinsel ist und Zelten nicht erlaubt sei. Wir bekommen noch eine große Flasche Wasser und werden dann zu unserem Lagerplatz zurückeskortiert, wo wir unser Lager abbrechen, alles wieder in die Boote verstauen und schon bald wieder bei einer kräftigen Dünung unterwegs sind, diesmal etwa 5 km Richtung Festland. Schade, es war eine schöne Insel und der Pausentag hätte uns gut getan.
Von weitem erkennen wir einen Fischerort und kurze Zeit später legen wir zwischen den bunten Fischerbooten im Hafen von Riam Pan an. Dort stärken wir uns in einer Reisküche am Hafen, wo wir im Schatten sitzen und dem ruhigen Treiben des Ortes zuschauen, bevor wir zu Fuß den Ort erkunden, um unsere Vorräte aufzufüllen. Einen Supermarkt suchen wir hier vergebens, dafür finden wir kleine Läden mit einem sehr überschaubaren Angebot. Nach einem Kaltgetränk und einem weiteren Aufenthalt im Schatten sind wir bereit für die nächsten Paddelkilometer entlang der Küstenlinie Richtung Osten.

Entlang der Mangroven

Die Küstenlandschaft hat sich verändert und besteht aus dichtem, undurchdringlichem Mangrovenwald, nur selten unterbrochen von einem Ort. Wir sind froh, als wir in einem Flußdelta einen kleinen Platz zum Zelten entdecken, den wir für die Nacht ansteuern. Es ist nur eine kleine Geröllinsel und wir hoffen, dass das Wasser nicht noch weiter steigt, denn dann wird's eng. So beobachten wir den ganzen Abend den Wasserspiegel, der noch etwa 30 Zentimeter steigt. Am nächsten Morgen stellen wir überrascht fest, dass das Wasser komplett weg ist und auch nicht wieder aufläuft, wie wir es von der deutschen Nordseeküste kennen.
Der Golf von Thailand ist nur ein Randgewässer des Südchinesischen Meeres und sehr flach. Dass Wasser schwappt nur einmal am Tag hinein und wieder hinaus. Deshalb gibt es hier nur eine Tide am Tag und nicht zwei, wie sonst fast überall auf der Welt. Für uns bedeutet das einen Fußmarsch mit Bootswagen, bis wir wieder einsetzen können.

Es ist drückend heiß, trotz des bedeckten Himmels und des Windes, der in den letzten Tagen stetig zugenommen hat. Immer wieder springen Fische vor unseren Booten über das Wasser. Fischer sind in ihren offenen Schaluppen unterwegs oder waten mit ihren Netzen durch das kilometerweit flache Wasser. Am Ufer tauchen einige Hütten auf, die sich bis zu einer Flussmündung hinziehen. Ein großer Wall schützt die Einfahrt zum Ort vor der kräftigen Dünung und wir müssen aufpassen, dass uns die brechenden Wellen nicht zum Kentern bringen, als wir darauf zusteuern. Der Ort zieht sich überwiegend auf Stelzen an beiden Uferseiten hin und aus den zum Wasser offenen Hütten werden wir interessiert bestaunt und freundlich gegrüßt. Anlegemöglichkeiten gibt es hier nur für größere Boote und eine Übernachtungsmöglichkeit suchen wir vergebens. Nach einem kurzen Besuch des Ortes paddeln wir weiter auf der Suche nach einem Lagerpatz für die Nacht.
An der Küste zeichnen sich Mangroven ab, soweit das Auge reicht und wir beobachten gespannt das Ufer, an dem sich keine Öffnung zeigt, bis Markus einen schmalen Pfad zwischen den Mangroven entdeckt. Mit dem Bootswagen legen wir den zunächst trocken gefallenen Pfad zurück, bis wir vor einer stinkigen Schlammbrühe stehen, die Rechts und Links von Mangroven eingerahmt, wohl die Fortsetzung des Weges ist. Als wir hindurchstapfen, versinken wir teilweise bis zum Oberschenkel im Schlamm. Wir ziehen die Boote hinterher und finden tatsächlich einen trockenen, einsamen Platz für das Nachtlager. Die Luft steht hier, überall liegt Müll und während der Dämmerung fallen die Mücken über uns her. Wir ziehen uns trotz der Hitze ins Zelt zurück, aber aus der ruhigen Nacht wird nichts. Schon während unseres Abendessens kommen immer wieder Thailänder vorbei, die vor dem Weg ihre Schuhe abstellen und zum offenen Meer waten, um Fische zu fangen. Auch während der Nacht ist ein ständiges Kommen und Gehen und wir kommen kaum zum Schlafen. Urlaub fühlt sich anders an. Ziemlich unausgeschlafen brechen wir wieder auf und paddeln weiter entlang der Mangrovenküste. Das Wasser ist sehr flach und die Boote saugen sich häufig fest, deshalb paddeln wir weit draußen, bis wir an ein felsiges Kap kommen. Ab hier soll unsere Reise ein Stück über Land weitergehen, da das Anlanden an der nun folgenden Mangrovenküste immer schwieriger wird. Wir finden einen kleinen Kiesstrand unterhalb eines geschlossenen Hotels und einer Art Schule. Die Thailänder, die sich dort versammelt haben, sprechen kein Englisch. Und dann erleben wir die thailändische Hilfsbereitschaft par excellence: Eine englischsprachige Thailänderin wird per Handy herbeigerufen und kommt kurz auf dem Moped vorbei. Wir schildern ihr unser Anliegen und innerhalb kürzester Zeit organisiert sie uns ein Taxi nach Laem Ngop. Viel schwieriger ist es für uns, die schweren, abgebauten Faltboote und unsere Ausrüstung den steilen Hang nach oben zu befördern. Meine Sandalen überleben diese massive Beanspruchung nicht, der vordere Riemen löst sich irreparabel und ich muss vorläufig die Wanderschuhe tragen, denn zum Barfußlaufen ist der Boden zu heiß, bis ich mir im nächsten Ort landestypische Fußbekleidung zulegen kann: Flipflops! Kurze Zeit später sitzen wir im Taxi, genießen die Klimaanlage im Auto und die vorbeiziehende Landschaft, bis wir in Laem Ngop bei einem Ressort direkt am Wasser abgesetzt werden.


Wir beziehen eine kleine Hütte und legen endlich unseren verdienten Pausentag ein. Das ist auch dringend nötig, denn es gibt einiges zu tun: Die Kopien unserer Reiseführer sind in einem der Säcke durchfeuchtet und werden im Zimmer unter der Klimaanlage zum Trocknen ausgelegt. Auch die Kameras wollen gepflegt und getrocknet werden und wir genießen den Komfort einer Dusche nach den schweißtreibenden Lagern in den Mangrovensümpfen.

 

 

Die Inselwelt von Koh Chang

Die vorgelagerte Insel Koh Chang ist unser nächstes Ziel. Nachdem wir unsere Vorräte aufgefüllt haben, und unsere Boote wieder aufgebaut sind, starten wir bei bestem Sonnenschein und Windstille Richtung Westen. Das gute Wetter, die Aussicht auf einen schönen Paddeltag und nicht zuletzt das türkisblaue Wasser, dass wir entlang der Mangroven vermisst haben, versetzt uns in übermütige Stimmung: wir springen vom Boot ins Wasser, schwimmen ein paar Runden um die Boote und genießen zwischen Insel und Festland ein exklusives Badevergnügen.

Als wir die Nordspitze Koh Changs umrunden setzt kräftiger Regen ein, der den restlichen Tag anhält. Auf der offenen See an der Westseite der Insel hat sich eine hohe Dünung entwickelt. Wir paddeln durch unangenehme Kreuzseen: an den steilen Felsen der Insel werden die Wellen, die bis zu 1,50 m hoch sind, reflektiert. Einige Kilometer weiter entwickelt sich aus der Dünung eine kräftige Brandung. Außerhalb der Brandungszone halten wir Ausschau nach einer Anlegemöglichkeit. Da die Insel Koh Chang rundum bebaut und touristisch erschlossen ist, wollen wir zu einem Ressort am Strand. Die Dünung schiebt uns trotz des Gewichts unserer Boote kräftig vorwärts und so halten wir surfend auf die Hütten zu. Kurz vor dem Strand springen wir aus den Booten und greifen den Toggel und die Rundumleine am Heck, um die Fahrt abzustoppen. So können wir einen Aufprall der schweren Boote auf den steilen Strand verhindern, denn wir fürchten einen Spantenbruch oder Löcher in der Haut.
Aber alles geht gut und kurze Zeit später können wir eine Hütte direkt am Strand beziehen – ein Vorteil der Regenzeit: es ist Nebensaison und die Ressorts sind nicht ausgebucht.
Nachdem die Boote ausgeräumt sind, locken uns Wellen und Brandung noch mal zum Surfen aufs Wasser. Ohne Gepäck lassen sich die Boote gut manövrieren und schnell beschleunigen und wir nehmen einige schöne Surfs mit, filmen und fotografieren abwechselnd.

Zwei Tage lang macht die Regenzeit ihrem Namen alle Ehre und der Wind lässt die Dünung auf bis zu drei Meter Höhe anschwellen. Wir wettern ab, bis der Wind nachlässt, und paddeln dann weiter Richtung Süden. Den ganzen Tag geht es entlang der Küstenlinie, vorbei an kleinen vorgelagerten Koralleninseln bis wir das Kap Laem Bang Bao umrunden. Die Dünung lässt nach und bei spiegelglattem Wasser finden wir eine offene Strandbar in Ban Klon Kloi, die auch Zimmer vermietet. Am Abend setzt wieder kräftiger Regen ein und wir sind unter dem Dach der Yuyu Golden Beach Bar die einzigen Gäste, denn in diesen südlichsten Teil der Insel verirren sich während der Regenzeit fast keine Touristen. Die Besitzerin der Bar erzählt uns bei einem leckeren Thaicurry zum Abendessen, dass es in der Hauptsaison nicht an Gästen mangelt, sie aber bestrebt ist, möglichst professionell zu sein und deshalb die Bar das ganze Jahr über geöffnet lässt. Wir fühlen uns sehr wohl in der liebevoll eingerichteten Anlage und als die Frühstückskarte sogar Müsli beinhaltet, statt dem sonst sehr verbreiteten englischen Frühstück mit fettigen Würstchen, checken wir für eine weitere Nacht ein und machen einen Tagesausflug zu der kleinen Insel Ko Khlum. Bei unserer Rückkehr am Abend setzt wieder Regen ein, der bis zum nächsten Tag anhält und wir sind froh, dass wir unsere Boote unter einem großen Sonnenschirm relativ trocken packen können, denn wir wollen weiter nach Ko Wei.
Als wir auf Ko Wei bei einem Ressort anlegen, werden wir sofort von Hunden umringt und ein Verwalter erklärt uns, dass alle Ressorts der Insel geschlossen seien und es auch keinen Campingplatz gibt. Am späten Nachmittag entdecken wir ein weiteres Ressort, das auch geschlossen ist. Man verweist uns auf die nächste Insel, aber als wir mit Händen und Füßen deutlich machen können, dass wir auf eigenem Kiel mit Muskelkraft und nicht mit dem Motorboot hier sind, hat man ein Einsehen mit uns.
Wir bekommen eine Hütte und sogar noch ein Abendessen. Auch am nächsten Morgen werden wir gemeinsam mit den Angestellten versorgt - es gibt, wie am Abend vorher gebratenen Reis mit Gemüse. Während wir die Boote packen, landet die erste Fähre des Tages an und schon bald ist der Strand übersät mit Touristen, die alle mit Maske und Schnorchel durch das Wasser gleiten.
Vor Ko Wei ist ein großes Korallenriff vorgelagert. Als dann noch die Sonne herauskommt, können wir uns kaum satt sehen an der faszinierenden Unterwasserwelt, die sich uns mit Maske und Schnorchel bietet. Bunte Korallen, Seeigel, Fische in allen Größen und Farben und immer wieder riesige Mördermuscheln.
Nach dieser Schnorcheltour paddeln wir bei bestem Wetter vorbei an interessanten Felsküsten, palmenbestandenen Ufern und durch ein Labyrinth von kleineren Inseln mit weißen Sandstränden und türkisblauem Wasser, wo wir einen kurzen Badestopp einlegen, bevor wir die Insel Ko Mak ansteuern.

 

Dort gibt es mehrere offene Ressorts und schon bald sitzen wir auf einer schattigen Terrasse, breiten unsere gesamte Ausrüstung um uns herum zum Trocknen aus und genießen die letzten Sonnenstunden des Tages.
Das sonnige Wetter hält an und wir nehmen die 16 Kilometer-Querung von Ko Mak nach Ko Kood in Angriff. Es ist nahezu windstill und sehr heiß, sodass wir zwischendurch häufiger zur Kühlung ins Wasser springen. Bald schon kündigt sich Ban Ao Salad durch eine hohe, weithin sichtbare, goldene Buddha-Statue an, die über dem Ort thront. Wir legen unterhalb dieser Anlage an und gehen ein Stück zu Fuß weiter. Bei einem Ladenbesitzer fragen wir nach einem Ressort, dass im Internet beschrieben war und stellen fest, dass es weder ein Ressort noch andere touristische Unterkünfte gibt. Er will uns mit dem Taxi weiter ins Landesinnere schicken. Als wir ihm erzählen, dass wir mit dem Kajak hierher gepaddelt sind, ist er sichtlich beeindruckt und überlässt uns ein einfaches Zimmer unter seinem Laden. Der Ort Ao Salad ist entlang eines Steges auf Stelzen gebaut und wir suchen lange, bis wir zwischen den ankernden Booten, verfallenen Häusern und muschelbesetzten Stelzen eine Durchfahrt und eine Anlegemöglichkeit finden. Als unsere Boote dann aber sicher im Lagerraum des Ladens liegen, können wir von einer Reisküche aus, dem bunten Treiben dieses außergewöhnlichen Ortes zuschauen. Es gibt einige kleine Läden entlang des ca. 1,5 Meter breiten Steges, die gleichzeitig auch das Wohn- und Schlafzimmer der Familie sind. Davor spielen Kinder auf den schmalen Brettern direkt über dem Wasser. Auf einigen Fischerbooten werden die Fangkörbe überarbeitet und Netze geflickt. Hin und wieder legt ein Fischkutter an und lädt seinen Fang aus. Wir steigen zu der Buddha-Statue hinauf und finden eine größere Kloster-Anlage zu der auch ein hoher Glockenturm gehört, von dem aus wir an diesem Tag eine gute Fernsicht bis auf das ca. 35 km entfernte Festland haben.
Dort liegt unser nächstes Ziel, dass wir auf eigenem Kiel erreichen wollen: der Ort Ban Kot Sai, den wir als Ausgangspunkt für die Überquerung der Grenze von Thailand nach Kambodscha gewählt haben. Nach einem frühen Start und acht Paddelstunden, drei Tüten trockener Nudeln, etlichen Keksen und Bananen landen wir an einem mit Muschelschalen übersäten Strand an, bauen unsere Faltboote ab, suchen uns ein Hotel und organisieren für den nächsten Tag einen Pick-Up, der uns zur Grenze bringt. Den Grenzübergang passieren wir zu Fuß, wie alle hier und setzen dann unsere Reise mit einem Taxi fort, das uns in die Grenzstadt auf kambodschanischer Seite, ins 20 km entfernte Koh Kong bringt.

Im Dschungel

Auf dem Weg zur kambodschanischen Küste liegt der Botum Sakor Nationalpark, den man von Angwong Tuek aus besuchen kann. Hier unterbrechen wir unsere Busreise und mit Hilfe der BCDO (Boutum Sakor Community Development Organisation), die es sich zum Ziel gemacht hat, die Einwohner in Englisch zu unterrichten, um den Tourismus für die Region nutzbar zu machen, können wir einen Besuch im Dschungel organisieren.
Früh am nächsten Morgen starten wir mit unserem Dolmetscher, einem Ranger des Nationalparks und einem Motorboot samt Fahrer den Fluss hinauf zu einem abgelegenen Dorf. Der Nationalpark darf ohne Führer nicht betreten werden, denn immer noch liegt hier Munition aus der Zeit der Roten Khmer und nur die Ranger kennen die sicheren Pfade.
Wir treffen einen Farmer und seine Frau, die hier nahezu von Subsistenzwirtschaft leben. Sie zeigen uns ihren Garten, wo verschiedene Sorten Zucchini und Bohnen, Zuckerrohr, Bananen und andere uns unbekannte Früchte wachsen. Hinter dem Haus grunzen die Schweine und Hühner laufen zwischen unseren Beinen hindurch. Wir werden eingeladen zu Yam-Wurzeln, gekochten Bananen, sauerscharfem Bambus und Reiswein. Yam-Wurzeln sind vom Geschmack her unseren Kartoffeln oder Esskastanien ähnlich und haben für die Kambodschaner eine besondere Bedeutung. Unter dem Regime der "Roten Khmer" (1975 – 1978), die das Land zu einem Agrarkommunismus umbauen wollten, hungerte die Bevölkerung und während die angebauten Yam-Wurzeln gegen Devisen ins Ausland importiert wurden, war es bei Todesstrafe verboten, sie selbst zu ernten.
Der Farmer erzählt uns, dass er nach dem Krieg als Minensucher gearbeitet hat. Stolz führt er uns sein immer noch funktionierendes Minensuchgerät vor und zeigt uns eine Panzergranate, die jetzt als Öllampe benutzt wird.

Back to the ocean - Die kambodschanische Inselwelt

Uns zieht es zurück ans Wasser und mit einem Kleinbus soll die Fahrt etwa 60 km zu dem Küstenort Pon Japong weitergehen. Als der 10-Sitzer vorfährt, ist er bereits mit 16 Menschen, 10 Enten, 20 Hühnern und diversen Küken besetzt. Trotzdem finden auch wir noch einen Platz und unser Gepäck landet auf dem bereits hoch beladenen Dachgepäckträger. Mit mehreren Zwischenstopps sind wir zwei Stunden lang über die rote Sandpiste unterwegs, bevor wir bei 1 Meter Brandung in ein kleines Motorboot steigen, um auf die Insel Ko Sdach überzusetzen. Auf der Seeseite finden wir eine einfache Apartmentanlage am felsigen Ufer. Kaum haben wir unser Gepäck in einer der kleinen Hütten verstaut, setzt ein heftiger Westwind ein, der die Gischt bis an die Wände der Hütten weht. An einen Start mit unseren Faltbooten ist nicht zu denken, der Wind weht mit sieben Bft und der Untergrund ist scharfkantig und felsig.
Auch nachdem wir unseren Startpunkt an den weiter südlich gelegenen Australian-Beach verlegen, der mit feinem, weißem Sand lockt, müssen wir noch zwei Tage abwettern bis sich der Wind gelegt hat. Die Dünung wirkt von unserem Standort aus flacher und wir wagen einen Start durch die Brandung. Ich fahre als erste und schaffe es, bis hinter die Brandungszone zu kommen. Als ich gerade das Zeichen zum Nachkommen geben will, baut sich eine riesige Wand vor mir auf und im nächsten Moment wäscht mich die brechende Welle mit Macht aus meinem Sitz. Offenbar lag noch eine zweite Brandungszone hinter der ersten, die wir vom Strand aus nicht sehen konnten. Das vollgeschlagene Boot wird von der Brandung ans Ufer befördert, wo Markus es in Empfang nimmt, während ich mit den über mir brechenden Wellen und der Unterströmung kämpfe. Nachdem das Boot geleert ist, nehmen wir lieber einen Fußmarsch zur Lee-Seite der Insel in Kauf, als noch einen Versuch durch die Brandung zu wagen.
Von dort starten wir endlich in dieses kleine, kambodschanische Archipel. Die Inseln liegen nur etwa 5 – 10 km weit auseinander und sind häufig unbewohnt. Auf einigen Inseln stehen 2-3 Hütten, die dem Verfall preisgegeben sind, andere werden noch von Fischern mit ihren Familien bewohnt. Wir entdecken viele einsame Strände, die sich zum Übernachten anbieten und vorgelagerte Korallenriffs, die uns zum Schnorcheln einladen. Unsere letzte Nacht in diesem Inselparadies verbringen wir an einem kleinen, von Palmen umsäumten Strand unter unserem Tarp, denn Sonne und Regenschauer wechseln sich in rascher Folge ab. Wir beobachten Strandkrabben, die hier sehr aktiv sind und reichern unser Abendessen mit frischer Kokosnuss an. Am nächsten Morgen packen wir bei strömendem Regen ein letztes Mal die Boote und paddeln an Koh Sdach vorbei nach Pon Japong zurück. Der Bus, der uns nach Pnom Penh bringen soll, fährt erst am folgenden Tag. Da es weiterhin ununterbrochen regnet, sind wir sehr dankbar, als uns ein freundlicher Kambodschaner eine unbewohnte Hütte zum Übernachten anbietet.


Die Tempel von Angkor Wat

Es sind 300 km nach Phnom Penh und über die holprigen Straßen braucht der Bus sechs Stunden. Nach einem Pausentag, verbunden mit einer Sightseeing-Tour durch die Haupstadt Kambodschas sind wir bereit für ein letztes Abenteuer: Wir fahren mit dem Nachtbus zum Weltkulturerbe Kambodschas: den Tempelanlagen von Angkor Wat, die auch Bestandteil der kambodschanischen Flagge sind. Die Tempel, die aus verschiedenen Jahrhunderten stammen, liegen in einem mehrere Quadratkilometer großen Gebiet mitten im kambodschanischen Dschungel. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden diese Anlagen im dichten Dschungel wiederentdeckt und inzwischen –mit Hilfe vieler Nationen– vom Dschungel befreit, rekonstruiert und restauriert. Trotzdem liegen noch mehrere Millionen Felsblöcke im Urwald, die noch darauf warten, in das große Puzzle eingefügt zu werden. Besonders beeindruckt hat uns der Tempel Ta Prohm, in dem alles noch so aussieht, wie die Entdecker die Tempel vorgefunden haben. Riesige Wurzeln überziehen die Mauern und Lianen hängen herab. Wir werden das Gefühl nicht los, dass gleich Indiana Jones oder Tomb Raider um die Ecke kommen müssen; beide Filme wurden hier gedreht.

Dann heißt es für uns Abschied nehmen von der Inselwelt Thailands und Kambodschas. Vor allem Kambodscha hat sich für uns als ein abenteuerliches Land gezeigt, in dem es noch viele unbekannte Paddelschätze zu entdecken gilt. Und schon auf dem Rückflug ist klar: Wir kommen wieder!

 

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